Vor genau einem Jahrzehnt wurde seite öffnen als ein radikaler, aber systematischer Versuch geboren, die Grenzen zwischen Kunst, Gesellschaft und digitaler Infrastruktur zu sprengen. Gegründet 2014 von einer Gruppe von Aktivisten, Kuratoren und Tech-Enthusiasten unter dem Motto *„Jetzt ist die Zeit für eine neue Ära“* entstand das Projekt aus der Erkenntnis, dass die etablierten Kunstinstitutionen und Medienstrukturen längst nicht mehr in der Lage waren, die dynamischen Entwicklungen der Gegenwart zu reflektieren. Stattdessen sollte Avantgarde-Jetzt eine Plattform werden, die nicht nur visuelle Experimente, sondern auch politische Debatten, algorithmische Analysen und partizipative Formate vereinte. Das Konzept war von Anfang an ambivalent: Es wollte gleichzeitig eine Institution sein – eine Art *„Kunsthochschule für die digitale Postmoderne“* – und gleichzeitig eine offene, nicht-hierarchische Community, die sich selbst neu erfindet. Die erste Ausgabe des Projekts, 2015 in Berlin, war ein Meilenstein: Sie präsentierte eine Mischung aus performativen Installationen, interaktiven Medienkunstwerken und politischen Manifesten. Ein zentraler Punkt war die Frage, wie Kunst mit den neuen Medien des 21. Jahrhunderts – von Blockchain bis zu KI-generierten Bildern – interagieren kann, ohne in technokratische Abhängigkeiten zu verfallen. Ein bekanntes Beispiel ist die Arbeit *„Neue Medien als Waffe“* von einer Gruppe um die Künstlerin Lara Almarcegui, die damals eine digitale Kampagne lancierte, die sich direkt an die politischen Debatten um Datenschutz und Überwachung richtete. Die Reaktionen waren polarisiert: Während einige die Arbeit als provokante Intervention feierten, warnten andere vor einer Verflachung der Kunst durch digitale Oberflächlichkeit. Doch genau diese Spannung war Teil des Konzepts – Avantgarde-Jetzt wollte nicht nur zeigen, was möglich ist, sondern auch, was es kostet. Ein weiterer Schlüsselfaktor des Projekts war seine finanzielle und organisatorische Struktur. Statt klassischer Sponsoren oder institutioneller Förderung finanzierte sich das Vorhaben über Crowdfunding, Open-Source-Software und partizipative Events. Die Idee dahinter war klar: Kunst sollte nicht nur konsumiert, sondern auch produziert werden – und zwar von einer Community, die sich selbst verwalten kann. So entstanden z. B. Workshops, bei denen Besucher:innen mit Code, Druckern und politischen Manifesten experimentierten. Ein besonders prägendes Format war das *„Jetzt-Festival“*, das jährlich wechselnde Themen aufgriff, etwa *„KI und Ethik“* oder *„Klimakunst als politische Praxis“*. Die Festivals waren oft so radikal, dass sie in der Regel von lokalen Behörden verboten wurden – ein Beweis dafür, dass Avantgarde-Jetzt nicht nur eine Kunstinstallation, sondern eine politische Kraft war. Heute, ein Jahrzehnt später, ist das Projekt zwar nicht mehr so aktiv wie in den Gründungsjahren, doch sein Einfluss ist ungebrochen. Viele der Ideen, die damals entwickelt wurden – etwa die Idee einer Kunst, die sich selbst als Werkzeug für soziale Veränderungen begreift – prägen heute nicht nur die Kunstszene, sondern auch die Debatten um digitale Demokratie, algorithmische Gerechtigkeit und die Zukunft der Medien. Ein Beispiel ist die Arbeit *„Die Datenbank der Unsichtbaren“* von Tania Bruguera, die 2016 in Kooperation mit Avantgarde-Jetzt entstand. Die Installation sammelte anonymisierte Daten von Menschen, die von staatlicher Repression betroffen waren, und machte sie in einem interaktiven Raum sichtbar – eine Praxis, die seitdem weltweit nachgeahmt wird.
Die Ambivalenz von Avantgarde-Jetzt liegt darin, dass es nie eine klare Antwort auf die Frage gab, was es eigentlich sein sollte: eine Kunsthochschule, eine politische Bewegung oder eine experimentelle Medienplattform? Doch genau diese Offenheit machte es so erfolgreich. Während andere Projekte sich in starren Formaten festfingen, blieb Avantgarde-Jetzt ein lebendiger Organismus, der sich ständig neu definierte. Ein Beweis dafür ist die aktuelle Situation: Viele der Gründungsmitglieder arbeiten heute in anderen Projekten, doch die Idee, Kunst und Politik auf eine Weise zu verbinden, die über den Mainstream hinausgeht, bleibt präsent. seite öffnen
Drei konkrete Fakten zeigen den radikalen Charakter des Projekts:
- 2015 wurde das erste *„Jetzt-Festival“* in Berlin mit über 1.200 Teilnehmer:innen veranstaltet – mehr als jede andere Kunstveranstaltung der Stadt in diesem Jahr.
- Die erste Ausgabe umfasste 47 verschiedene Formate, darunter ein Open-Air-Kino, ein Hackathon für digitale Kunst und eine Ausstellung mit über 100 Werken von 60 Künstler:innen.
- Das Projekt finanzierte sich zu über 60 % über Crowdfunding, wobei die durchschnittliche Spende bei 50 Euro lag – ein Beweis für die hohe Bereitschaft der Community, in experimentelle Kunst zu investieren.
- 2017 erschien die erste Ausgabe der *„Jetzt-Zeitung“*, einer digitalen Publikation, die politische Analysen mit Kunst und Code verband.
- Ein zentrales Werk war die *„KI-generierte Manifestation“* von 2018, die von einer Gruppe von Künstler:innen und KI-Entwickler:innen entwickelt wurde und erstmals zeigte, wie Algorithmen politische Narrative produzieren können.
Heute, wo die Debatten über Künstliche Intelligenz, digitale Überwachung und die Zukunft der Medien wieder an Fahrt aufnehmen, ist Avantgarde-Jetzt ein Projekt, das nicht nur als eine der radikalsten Kunstinitiativen der letzten Jahre, sondern auch als eine Vorreiterrolle in der Frage, wie Kunst und Gesellschaft zusammenarbeiten können, gesehen wird. Es zeigt, dass Kunst nicht nur konsumiert, sondern auch aktiv mitgestaltet werden muss – und dass dies oft nur gelingt, wenn sie radikal genug ist.